Sich erinnern


Für jeden Überlebenden ist es anders. Manche vergessen nie. Andere, die meisten, die ich kenne, erinnerten sich erst in ihrer Lebensmitte. Und das ist kein Erinnern, wie man es normalerweise kennt. Es sind glühende Puzzleteile, die aus der Dunkelheit auf einen niederprasseln.

 

Für mich war es ein Schock. Ich hatte nie zuvor davon gehört oder gelesen, dass es so etwas gibt: dass man komplette Abschnitte seines eigenen Lebens "vergessen" kann. Mir war ja nicht im Mindesten bewusst, dass mir Teile meiner Erinnerung fehlten.

 

Wie es bei mir war

Als meine Tochter ein knappes Jahr alt war, kurz vor Weihnachten, tauchten die ersten Bilder vor meinem inneren Auge auf. 

 

In meinem Kopf ging alles drunter und drüber. Stunden um Stunden lag ich wie in den Wehen, ohne zu wisse, was es war, das ich auf die Welt bringen würde. Irgendwann war mir klar, was geschehen war. Aber glauben konnte ich es zu dem Zeitpunkt noch lange nicht.

 

Ich wusste nicht, was ich anfangen sollte, mit diesen Bildern in meinem Kopf.  Mit diesem Wissen. Wusste nicht, mit wem ich reden konnte. Ich schämte mich entsetzlich.

 

So ging es tagelang weiter, ich dachte, ich werde verrückt. 

 

Ich weiß nicht mehr, wo ich die ersten Informationen herbekam, dass es so etwas tatsächlich gibt, dass traumatische Erlebnisse abgespalten werden. Für mich war diese Information ein Rettungsanker. 

 

Nach und nach sprach ich mit den Menschen um mich herum, und  wunderbarerweise waren sie fast alle für mich da.

 

So ging es über die kompletten Feiertage, Silvester kam und ging, ich konnte nicht aus dem Bett. Schließlich hätte ich wieder nach Hause fahren sollen. Aber daran war gar nicht zu denken. Immer noch kamen Tag für Tag neue Erinnerungen, verbunden mit grauenvollen Gefühlen. Zeitweise war ich mir nicht mehr sicher, ob ich nicht an diesen Gefühlen sterben könnte. Ich war fix und fertig.

 

Wie es weitergehen kann

Inzwischen hab ich so ziemlich alles gelesen, was es auf dem Markt an Büchern zu dem Thema gibt. Wenn es dich interessiert, schau mal unter Hilfreiches. Für mich war dieses Wissen beruhigend.

 

Es ist normal, Erlebnisse abzuspalten. So schützen wir uns selbst vor der Überforderung. Das ist es, was Traumata ausmacht. Das, und dass man mit dem Grauen allein bleibt.

 

Der Fachbegriff dazu ist Dissoziation, mehr dazu hier.

 

Wir entwickeln Strategien, damit niemand merkt, dass irgendetwas mit uns nicht stimmt. Und bald wissen wir selbst nicht mehr, was eigentlich mit uns los ist. Nur die Symptome bleiben.

 

Ich hab zum Gesamtthema Psyche und ihre Störungen hier ein eigenes Kapitel, mit allem, was man so bekommen kann. Nicht, damit Du Dich krank fühlst, im Gegenteil: um zu sehen, das menschliche Bewusstsein ist größer, als uns klar ist. Du bist ganz normal! 

 

Was ich dir gern sagen möchte: letztendlich ist jede Verrücktheit doch nur dein Versuch, dich zu retten.

 

Klar, irgendwann leidet man an den Symptomen mehr, als man es ohne sie tun würde. Sie haben sich verselbstständigt. Aber wir sind nicht so hilflos, wie wir vielleicht glauben. Zum Thema Therapie gibt´s hier einige Kapitel.

 

Ich will dir gern sagen: Wenn du überlebt hast, dann ist das eine Leistung. Du lebst noch!

 

Alles andere kann werden. Schritt für Schritt.

 

Ich wünsche Dir alles, alles Gute!

 


Amnesie - Trauma und Vergessen - davon abgesehen